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Nahrungsergänzungsmittel: Was ein Bluttest verrät
Supplements sind in den sozialen Medien allgegenwärtig, doch ob sie nützen, hängt vom eigenen Bedarf ab. Warum Messen mehr verrät als jeder Trend, was von Linus Paulings Idee des individuellen Bedarfs bleibt und wie wiederholte Bluttests zeigen, ob ein Präparat im Körper ankommt – und warum sich der Bedarf im Laufe des Lebens verändert.
Lisa Patterer, MSc
MSc, MD cand. (Medizinische Universität Wien)
· 5 Min. Lesezeit

Ob ein Nahrungsergänzungsmittel etwas bringt, hängt vor allem von einer Frage ab: Fehlt dem Körper überhaupt etwas? Für Menschen ohne Mangel finden große Bewertungen bei den meisten Vitamin- und Mineralstoffpräparaten keinen klaren Nutzen für die Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs 1. Wo aber tatsächlich eine Lücke besteht, kann gezieltes Ergänzen viel bewirken – und genau diese Lücke macht ein Bluttest sichtbar.
Das ist eine gute Nachricht. Sie bedeutet: Niemand muss raten, welchem Trend man folgen soll. Der eigene Körper kann die Antwort liefern.
Warum sind Supplements gerade überall?
Weil soziale Medien sie zu einem Lifestyle-Thema gemacht haben. Wer durch Instagram oder TikTok scrollt, sieht Morgenroutinen mit fünf Pulvern, Kapseln für „mehr Energie“ und Versprechen für bessere Haut, besseren Schlaf und besseren Fokus.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat untersucht, was das mit Erwachsenen macht: Wer viele Supplement-Inhalte sieht, ist anfälliger für Werbebotschaften und greift eher ohne fachliche Beratung zu Präparaten, deren Nutzen nicht belegt ist 2. Die Autorinnen sprechen sich deshalb für bessere Gesundheitskompetenz und mehr Gespräche zwischen Patientinnen und Ärzt*innen aus 2.
Dahinter steckt eigentlich etwas Positives: Viele Menschen wollen aktiv etwas für ihre Gesundheit tun. Die Energie ist da. Es geht nur darum, sie in die richtige Richtung zu lenken – weg vom Trend, hin zum tatsächlichen Bedarf.
Woher kommt die Idee vom „individuellen Bedarf“?
Die Idee ist älter, als viele denken. 1968 prägte der Chemie-Nobelpreisträger Linus Pauling den Begriff „orthomolekular“ – sinngemäß: die richtigen Moleküle in der richtigen Menge 3. Sein Gedanke war, dass jeder Mensch einen eigenen Bedarf an bestimmten Nährstoffen hat, der nicht unbedingt dem Durchschnitt entspricht.
An einem Punkt lag Pauling allerdings daneben: Er setzte auf sehr hohe Dosen, etwa von Vitamin C. Dieser Ansatz hat sich in der Forschung nicht bestätigt. Für Menschen ohne Mangel bringen die meisten Präparate keinen klaren Vorteil, und manche können sogar schaden: Beta-Carotin etwa erhöhte in Studien bei Rauchenden das Risiko für Lungenkrebs 1. Auch fettlösliche Vitamine wie Vitamin A können sich im Körper anreichern und in hohen Dosen Probleme machen 1.
Mehr ist nicht besser. Passend ist besser.
Was von Paulings Idee bleibt, ist der wertvolle Kern: Jeder Körper ist anders. Die moderne Präventivmedizin nimmt genau diesen Gedanken auf – nur mit einem entscheidenden Unterschied. Sie vermutet den Bedarf nicht, sie misst ihn.
Wie hilft Messen, das Richtige zu finden?
Messen verwandelt eine Vermutung in eine Entscheidung. Ein Bluttest zeigt, ob zum Beispiel Vitamin D, Vitamin B12 oder Eisen tatsächlich niedrig sind – oder ob man sich das Geld für ein Präparat sparen kann.
Spannend wird es, wenn man nicht nur einmal misst, sondern wiederholt. Eine Auswertung von Daten aus einer Plattform für personalisierte Ernährungsempfehlungen hat genau das betrachtet: Über tausend gesunde Erwachsene ließen ihre Blutwerte bestimmen, erhielten darauf abgestimmte Empfehlungen zu Ernährung, Bewegung und Supplements und testeten später erneut 4. Bei Personen, deren Werte anfangs außerhalb des Normbereichs lagen, bewegten sich die meisten Werte beim zweiten Test in Richtung Normalbereich 4. Wer bei niedrigem Vitamin D ein Vitamin-D-Präparat gewählt hatte, verbesserte sich häufiger 4.
Der vielleicht wichtigste Gedanke dahinter: Erst die Kontrollmessung zeigt, ob ein Supplement im Körper überhaupt ankommt. Ohne sie bleibt offen, ob man etwas Nützliches tut, etwas Überflüssiges – oder schon zu viel.
Warum verändert sich der Bedarf im Laufe des Lebens?
Weil sich der Körper verändert. Besonders gut untersucht ist das im höheren Alter. Häufig wird dann zu wenig Vitamin D, Vitamin B12, Folsäure, Zink, Eisen oder Magnesium aufgenommen 5.
Bei Vitamin B12 ist der Grund oft gar nicht die Ernährung: Damit der Darm das Vitamin aus der Nahrung aufnehmen kann, braucht es ausreichend Magensäure – und die nimmt mit dem Alter häufig ab 5. Ähnlich bei Vitamin D: Die Haut bildet mit zunehmendem Alter weniger davon, selbst bei gleicher Sonne 5. Man kann also gesund essen und trotzdem einen Mangel entwickeln.
Auch andere Lebensphasen, etwa eine Schwangerschaft oder sehr intensives Training, können den Bedarf verschieben. Gerade dann lohnt sich ärztliche Begleitung.
Für den Alltag heißt das: Ein Wert, der vor fünf Jahren gut war, muss heute nicht mehr stimmen. Wer regelmäßig misst, erkennt Veränderungen früh – lange bevor sie sich als Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme bemerkbar machen.
Was kann ein Bluttest – und was nicht?
Ein Bluttest ist ein objektiver Blick in den Körper. Anders als ein Ernährungstagebuch hängt er nicht davon ab, wie gut man sich an das Essen der letzten Woche erinnert 5. Deshalb gilt die Messung im Blut als eine der wichtigsten Methoden, um die Versorgung mit Mikronährstoffen einzuschätzen 5.
Gleichzeitig ist jeder Wert eine Momentaufnahme. Manche Nährstoffe sind im Blut gut abzulesen, bei anderen sagt der Blutspiegel weniger darüber aus, wie gut die Speicher im Körper gefüllt sind. Deshalb betrachten man Messwerte am liebsten im Zusammenhang: mit Ernährung, Lebensstil, Beschwerden und dem Verlauf über die Zeit 5.
Genau darin liegt die Stärke des wiederholten Messens. Ein einzelner Wert ist ein Foto, mehrere Werte ergeben einen Film. Erst im Verlauf wird sichtbar, ob sich etwas verbessert, stabil bleibt oder langsam abrutscht – und ob eine Maßnahme wirklich ihren Zweck erfüllt 4.
Wie gehe ich klug mit Nahrungsergänzungsmitteln um?
Mit einem einfachen Kreislauf aus Messen, gezieltem Handeln und erneutem Messen:
- Erst messen, dann ergänzen: Ein Bluttest zeigt, ob überhaupt eine Lücke besteht.
- Gezielt statt breit: Lieber ein Präparat für einen nachgewiesenen Bedarf als ein Kombipräparat „für alles“ 1.
- Nach einigen Monaten erneut testen: So siehst du, ob die Maßnahme ankommt, und kannst die Dosis anpassen 4.
- Auf den eigenen Körper hören: Energie, Schlaf und Konzentration sind wertvolle Hinweise – am aussagekräftigsten zusammen mit den Messwerten.
- Mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen: besonders bei hohen Dosen, Medikamenten oder Vorerkrankungen.
Was bedeutet das für die Prävention von morgen?
Die Supplement-Welle zeigt uns, wie groß der Wunsch ist, selbst etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Das ist eine enorme Chance. Die Medizin der Zukunft wird diesen Wunsch nicht bremsen, sondern ihm eine solide Grundlage geben: mit Messwerten statt Mythen, mit persönlichem Bedarf statt Pauschalrezept.
Das betrifft nicht nur Einzelne. In einer Gesellschaft, die immer älter wird, entscheidet sich viel daran, ob Menschen ihre zusätzlichen Lebensjahre gesund und aktiv verbringen. Ein früh erkannter und gezielt ausgeglichener Mangel ist dabei ein kleiner, aber sehr konkreter Baustein – einer, den jede und jeder selbst in die Hand nehmen kann.
Vielleicht ist das die schönste Wendung dieser Geschichte. Paulings Vision eines individuellen Bedarfs war ihrer Zeit voraus – heute haben wir endlich die Werkzeuge, um sie verantwortungsvoll umzusetzen. Nicht mehr nehmen, sondern besser verstehen: Darin liegt die eigentliche Freiheit.
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Quellen
- US Preventive Services Task Force; Mangione CM, Barry MJ, Nicholson WK, et al.. Vitamin, Mineral, and Multivitamin Supplementation to Prevent Cardiovascular Disease and Cancer: US Preventive Services Task Force Recommendation Statement — JAMA (2022) · Leitlinie · DOI: 10.1001/jama.2022.8970 · PMID: 35727271
- Nikitha Devanaboyina, Vaishali Khatri. The influence of social media on dietary supplement use: a rapid review — International Journal of Community Medicine and Public Health (2026) · Übersichtsartikel · DOI: 10.18203/2394-6040.ijcmph20261809
- Linus Pauling. Orthomolecular Psychiatry — Science (1968) · DOI: 10.1126/science.160.3825.265 · PMID: 5641253
- Kenneth Westerman, Ashley Reaver, Catherine Roy, Margaret Ploch, Erin Sharoni, Bartek Nogal, David A Sinclair, David L Katz, Jeffrey B Blumberg, Gil Blander. Longitudinal analysis of biomarker data from a personalized nutrition platform in healthy subjects — Scientific Reports (2018) · Beobachtungsstudie · DOI: 10.1038/s41598-018-33008-7 · PMID: 30279436
- Hajnal Finta, Calin Avram, Corneliu-Florin Buicu, Daniela-Edith Ceana, Iuliu Moldovan, Florina Ruta. Micronutrient Status, Health Implications, and Assessment Aproaches in Older Adults: A Narrative Review of Recent Studies — Life (Basel) (2026) · Übersichtsartikel · DOI: 10.3390/life16040570 · PMID: 42073380
Über Lisa Patterer, MSc
CMSO - Medizinische und wissenschaftliche Leitung
Lisa Patterer hat einen Master of Science in Molecular Precision Medicine von der Medizinischen Universität Wien sowie einen BSc in Molekularer Biotechnologie. Sie sammelte internationale Forschungserfahrung an Institutionen wie der Harvard Medical School und der Universität Barcelona.
- MSc, MD cand., Medizinische Universität Wien (2025)
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Besprich gesundheitliche Fragen und Laborwerte immer mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
