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Lisa Patterer · 2 Min. Lesezeit

Eine viel zitierte Übersichtsarbeit zu den molekularen Mechanismen der Insulinresistenz beschreibt eine typische Abfolge: Zuerst reagieren Muskel- und Leberzellen schlechter auf Insulin. Die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse gleichen das aus, indem sie mehr Insulin ausschütten – der Blutzucker bleibt dadurch zunächst unauffällig. Diese Kompensationsphase kann sich über Jahre bis Jahrzehnte erstrecken, bevor die Beta-Zellen dem Druck nicht mehr standhalten und der Blutzucker messbar ansteigt.
Die aktuellen Diagnosekriterien für Diabetes stützen sich in erster Linie auf Nüchternblutzucker, oralen Glukosetoleranztest und HbA1c – nicht auf das Nüchterninsulin. Das ist medizinisch nachvollziehbar, da diese Standardwerte gut validiert sind, hat aber einen Nachteil: Sie werden erst auffällig, wenn die kompensatorische Mehrarbeit der Bauchspeicheldrüse nicht mehr ausreicht. Das Nüchterninsulin bildet dagegen genau diese vorgelagerte Belastungsphase ab – ein Wert, der beim jetzigen Diagnosestandard mitgedacht, aber nicht routinemäßig verlangt wird.
Die Datenlage deutet darauf hin, dass chronisch erhöhtes Insulin nicht nur Begleiterscheinung, sondern selbst an Stoffwechselprozessen beteiligt ist: Insulin fördert die Fetteinlagerung und die Rückresorption von Natrium in der Niere, was den Blutdruck beeinflussen kann. Für manche der diskutierten Zusammenhänge, etwa mit Entzündungsprozessen, ist die Evidenz noch im Aufbau – hier braucht es weitere kontrollierte Studien, bevor sich klare klinische Handlungsempfehlungen ableiten lassen.
Eine alternde Gesellschaft mit steigender Diabetesprävalenz braucht Diagnostik, die früher ansetzt als der Moment, in dem der Schaden bereits sichtbar ist. Nüchterninsulin – kombiniert mit dem Nüchternblutzucker im HOMA-Index – kann ein zusätzliches Puzzleteil sein, um Insulinresistenz sichtbar zu machen, während noch Zeit für Lebensstiländerungen bleibt. Das ist der Kern des Umdenkens in der Präventivmedizin: nicht warten, bis ein Wert alarmierend wird, sondern früher hinschauen, wo es heute schon möglich ist.
