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Präventivmedizin der Zukunft: Für die Generation, die mit KI aufwächst
Drei von vier Angehörigen der Gen Z wenden sich bei Gesundheitsfragen zuerst an KI, viele Ärzt*innen sehen sich Wearable-Daten an – und doch kommen diese Daten kaum in der Versorgung an. Gleichzeitig wird unsere Gesellschaft älter. Warum Präventivmedizin für eine neue Generation gebaut werden muss und wie die Brücke zwischen Daten und Medizin aussehen kann.
Lisa Patterer, MSc
MSc, MD cand. (Medizinische Universität Wien)
· 6 Min. Lesezeit

Präventivmedizin der Zukunft muss für Menschen gebaut werden, die ihre Gesundheit längst selbst vermessen und hinterfragen – mit Tracker am Handgelenk und KI in der Hosentasche. In einer aktuellen US-Umfrage gaben 76 % der Gen Z und 63 % der Millennials an, bei Gesundheitsfragen zuerst KI zu nutzen, bevor sie professionelle Hilfe suchen 1. Gleichzeitig schauen sich fast alle Ärzt*innen die Wearable-Daten ihrer Patient*innen an, können sie aber kaum in die Behandlung einbauen 2. Und während diese Lücke wächst, wird unsere Gesellschaft älter: In Österreich wird 2040 voraussichtlich jede vierte Person 65 Jahre oder älter sein 3.
Gestern saß ich mit einem Freund zusammen, und wir sind genau bei dieser Frage hängen geblieben: Für wen bauen wir eigentlich die Medizin von morgen? Unsere Antwort hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Warum ist die nächste Patient*innen-Generation so anders?
Weil sie mit einem völlig anderen Selbstverständnis aufwächst. Ich werde gerade in einem System ausgebildet, das über Jahrzehnte für Menschen gewachsen ist, die erst zum Arzt gingen, wenn etwas nicht stimmte. Das war kein Versäumnis – man kannte es schlicht nicht anders.
Die Menschen, die in zehn oder zwanzig Jahren zu uns in die Praxis kommen, sind aber keine kleineren Versionen der heutigen Patient*innen. Sie fragen zuerst die KI, lesen ihre Schlafdaten beim Frühstück und vergleichen ihre Ruheherzfrequenz mit der vom Vormonat. Die Aflac-Umfrage zeigt allerdings auch eine Kehrseite, die mich mehr beschäftigt als die KI-Zahl selbst: 65 % der Gen Z und 61 % der Millennials gaben an, Vorsorgeuntersuchungen und Screenings zu verschieben oder ganz auszulassen 1.
Diese Generation ist also nicht weniger an Gesundheit interessiert, im Gegenteil. Aber das klassische System erreicht sie nicht mehr. Das ist keine Bedrohung, sondern eine Einladung, Vorsorge neu zu denken.
Ist dieser Wandel wirklich neu?
In einem entscheidenden Punkt ja. Natürlich hat sich Medizin immer verändert: Keimtheorie, Antibiotika, Bildgebung, die Sequenzierung des menschlichen Genoms. Fast immer kam der Fortschritt aber von der Seite der Medizin – neue Geräte, neue Wirkstoffe, neue Diagnostik in den Händen von Fachleuten.
Ganz ohne Vorläufer ist die heutige Entwicklung nicht: Menschen mit Bluthochdruck oder Diabetes messen sich seit Jahrzehnten selbst. Neu ist aber das Ausmaß. Gesundheitsdaten entstehen heute kontinuierlich, freiwillig und massenhaft auf der Seite der Patient*innen, außerhalb jeder Klinik – und KI macht sie für Laien interpretierbar. Das verschiebt, wer das Wissen über den eigenen Körper zuerst in der Hand hält.
Bringen Tracker und Gesundheitsdaten überhaupt etwas?
Ja, für das Verhalten – für die Werte im Körper ist die Evidenz noch dünner. Ein großes Umbrella-Review, das Dutzende systematische Übersichtsarbeiten zusammenfasst, zeigt: Wer einen Aktivitätstracker nutzt, geht im Schnitt rund 1.800 Schritte mehr pro Tag 4. Das ist aus Public-Health-Sicht ein beachtlicher Effekt.
Bei körperlichen Gesundheitsmarkern sieht es zurückhaltender aus: Die Effekte gingen zwar in die richtige Richtung, waren aber meist klein und oft nicht eindeutig 4. Das ist kein Grund für Skepsis, sondern ein wichtiger Hinweis. Wearables messen sehr gut, was wir tun. Ob sich dadurch auch Blutzucker, Blutfette oder Entzündungswerte verändern, sehen sie nicht. Genau dort liegt die nächste Lücke, die es zu schließen gilt.
Wir messen heute schon fast alles, was wir tun. Was es in unserem Körper bewirkt, sehen wir viel zu selten.
Warum kommen die Daten nicht in der Medizin an?
Nicht aus Desinteresse, sondern wegen fehlender Strukturen. Eine internationale Befragung von 2.222 Ärzt*innen in sechs Ländern, darunter Deutschland, durch die American Medical Association und Medscape zeigt ein fast absurdes Bild: 97 % sehen sich Wearable-Daten ihrer Patient*innen in irgendeiner Form an, und die Mehrheit erkennt darin einen klinischen Nutzen 2. Doch in keinem der Länder hat mehr als 6 % der Ärzt*innen diese Daten tatsächlich in die Behandlungsabläufe integriert 2.
Die Gründe sind strukturell: fehlende Vergütung, fehlende Workflows, Unsicherheit bei Haftung und Datenqualität 2. Auffällig ist, dass jene Ärzt*innen, die Wearable-Daten bereits nutzen, mehr Vertrauen in die Daten und mehr Sicherheit in der Interpretation haben 2. Es braucht also nicht nur Daten, sondern Daten, die klinisch verlässlich sind und in einem Format ankommen, mit dem man arbeiten kann.
Warum wird das gerade jetzt dringlicher?
Weil die Lücke nicht von selbst kleiner wird, während die Gesellschaft altert. In Österreich steigt der Anteil der Menschen ab 65 Jahren laut Statistik Austria von 20 % im Jahr 2024 auf voraussichtlich 26,2 % im Jahr 2040 3. Ältere Menschen brauchen deutlich mehr Versorgung: Für die USA wird geschätzt, dass Menschen ab 65 rund 20 % häufiger ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und etwa dreimal so oft stationär aufgenommen werden wie jüngere Erwachsene 5.
Ein System, das für weniger, jüngere und vor allem reaktive Fälle gebaut wurde, trifft auf eine Realität, die das Gegenteil verlangt. Jedes Jahr, in dem eine chronische Erkrankung später beginnt, entlastet nicht nur die betroffene Person, sondern das ganze System.
Wie könnte Präventivmedizin aussehen, wenn Menschen die Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zurückbekommen?
Stell dir vor, Vorsorge wäre kein Termin, den man verschiebt, sondern ein Prozess, den man selbst steuert. Du weißt nicht nur, wie viele Schritte du gehst, sondern auch, was das mit deinem Stoffwechsel macht. Du siehst, wenn sich ein Wert langsam in die falsche Richtung bewegt – lange bevor er auffällig wird. Du bekommst Empfehlungen, die auf deinen eigenen Werten beruhen, nicht auf Durchschnittsmenschen. Und du gehst zu deiner Ärztin oder deinem Arzt nicht mit einem Bauchgefühl, sondern mit einem dokumentierten Verlauf.
Genau an dieser Brücke bauen wir bei speak23. Mit speak23 misst du deine Blutwerte 2- oder 4-mal im Jahr. Alle Ergebnisse werden automatisch digital festgehalten, sodass Verlauf, Trends und Veränderungen in der App sichtbar sind. Darauf aufbauend bekommst du personalisierte, evidenzbasierte Empfehlungen, die darauf abzielen, deine Trends in die richtige Richtung zu lenken. Und die App begleitet dich dabei: Du siehst, wie sich deine Veränderungen auf deine Werte auswirken.
Damit ergänzen Blutwerte, was Wearables nicht können: Sie zeigen, was im Körper tatsächlich passiert. Ob ein solcher Ansatz langfristig Krankheiten verhindert, muss die Forschung erst zeigen. Aber er setzt genau dort an, wo heute die größten Lücken liegen – bei der Kontinuität, bei der Verbindung von Verhalten und Körperwerten und bei Daten, die verlässlich genug sind, um mit ihnen zu arbeiten.
Was kannst du heute schon tun?
- Verhalten und Wirkung zusammendenken. Dein Tracker zeigt, wie du dich bewegst und schläfst. Mit speak23 misst du 2- oder 4-mal im Jahr, was das für deine Blutwerte bedeutet – starte mit dem speak23 Core Health Bluttest.
- Auf Trends statt Einzelwerte achten. Deine Ergebnisse landen automatisch in der speak23-App. So erkennst du, ob sich etwas stabil hält, verbessert oder schleichend verschlechtert.
- KI als Einstieg nutzen, nicht als Endpunkt. Allgemeine Antworten sind ein guter Anfang. Die Empfehlungen in der speak23-App sind dagegen evidenzbasiert und auf deine eigenen Werte und deren Verlauf zugeschnitten.
- Fortschritt sichtbar machen. Bei jeder neuen Messung zeigt dir die App, wie sich deine Veränderungen auf deine Werte ausgewirkt haben – das macht Prävention greifbar.
- Vorsorge nicht auslassen, sondern ergänzen. speak23 ersetzt keine ärztliche Untersuchung oder Diagnose. Nimm deinen dokumentierten Verlauf zur Vorsorgeuntersuchung mit – er macht das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt konkreter.
Was heißt das für uns als nächste Generation in der Medizin?
Vielleicht ist genau das unsere Aufgabe als angehende Ärzt*innen, Wissenschaftler*innen und Gründer*innen: nicht abzuwarten, bis das System bereit ist. Die Menschen, für die wir ausgebildet werden, warten ohnehin nicht. Wir können die Brücke selbst bauen – zwischen dem, was Menschen heute über sich wissen wollen, und dem, was eine älter werdende Gesellschaft an Versorgung braucht.
Wie diese Brücke am Ende im Detail aussieht, weiß ich noch nicht. Aber seit diesem Abend ist mir klarer, wofür wir sie bauen: für eine Medizin, in der Menschen nicht erst Patient*innen werden müssen, um gut versorgt zu sein.
Galerie


Quellen
- Aflac Incorporated. 76% of Gen Z and 63% of millennials turn to AI for first line of primary healthcare — Aflac Newsroom (2026) · Querschnittsstudie
- American Medical Association Center for Digital Health and AI, Medscape. International physician survey on consumer wearables — American Medical Association (2026) · Querschnittsstudie
- Statistik Austria. Bevölkerungsprognose 2025 — Statistik Austria (2025)
- Ty Ferguson, Timothy Olds, Rachel Curtis, Henry Blake, Alyson J Crozier, Kylie Dankiw, Dorothea Dumuid, Daiki Kasai, Edward O'Connor, Rosa Virgara, Carol Maher. Effectiveness of wearable activity trackers to increase physical activity and improve health: a systematic review of systematic reviews and meta-analyses — The Lancet Digital Health (2022) · Systematische Übersichtsarbeit · DOI: 10.1016/S2589-7500(22)00111-X · PMID: 35868813
- Charles H. Jones, Mikael Dolsten. Healthcare on the brink: navigating the challenges of an aging society in the United States — npj Aging (2024) · Übersichtsartikel · DOI: 10.1038/s41514-024-00148-2 · PMID: 38582901
Über Lisa Patterer, MSc
CMSO - Medizinische und wissenschaftliche Leitung
Lisa Patterer hat einen Master of Science in Molecular Precision Medicine von der Medizinischen Universität Wien sowie einen BSc in Molekularer Biotechnologie. Sie sammelte internationale Forschungserfahrung an Institutionen wie der Harvard Medical School und der Universität Barcelona.
- MSc, MD cand., Medizinische Universität Wien (2025)
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Besprich gesundheitliche Fragen und Laborwerte immer mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
